Die Zeit vergeht schnell! Seit etwas mehr als einer Woche bin ich nun schon in Cúcuta. Aus den 19 Mitbewohnern, die ich im Kloster hatte, sind jetzt 4 geworden, aus dem warmen und wechselhaften Wetter in Cali, heiße Temperaturen und strahlende Sonne, aus meiner Selbstversorgung mit den verschiedensten Früchten, typisch kolumbianische Küche und aus der Ungewissheit, was mich hier erwarten würde, endlich mehr Klarheit.
Vor meiner Ankunft galt der größte Teil meiner Hoffnungen und Bedenken der Gastfamilie, mit der ich das folgende Jahr zusammenleben würde. Schließlich sind es die Menschen, die mich in meinem Jahr ständig begleiten und mir als engste Freunde bei meinen Sorgen und Problemen zur Seite stehen werden.
Jetzt, nach der ersten Woche, kann ich beruhigt und zufrieden sagen, auf eine sehr herzliche und liebevolle Familie getroffen zu sein, die mich mit viel Offenheit aufgenommen hat und versucht mir meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich wohne für das Jahr zusammen mit Nelson und Carmenza, meinen Gasteltern, und Sebastian und Luna, meinen Geschwistern, die 8 und 4 Jahre alt sind. Auch wenn es nicht ganz einfach ist sich in einer anderen Familie einzufinden, fühle ich mich insgesamt wohl und freue mich schon auf die weitere gemeinsame Zeit.
Ansonsten hatte ich letzte Woche natürlich einige Tage Zeit, um mein eigenes Projekt kennenzulernen. Dabei finde ich das Lernkonzept, das hier angewendet wird, besonders interessant, da es sich stark von dem Konzept einer normalen Schule unterscheidet. Die Kinder erhalten keine Noten für ihre Leistung, schreiben keine Arbeiten oder Klausuren und werden nicht in Schulklassen unterrichtet. Was im ersten Moment eigenartig klingt und viele Fragen aufwirft scheint gut zu funktionieren. Im Mittelpunkt steht nicht die Idee, dass der Schüler soviel Lernstoff wie möglich aufnimmt, sondern viel mehr seine Persönlichkeit. Es wird mehr Wert auf die persönliche Entwicklung und den Charakter der Schüler gelegt, als auf die eigentliche Lernleistung. Dem Schüler wird nichts aufgezwungen, sondern er soll Dinge nach seinem eigenen Rhythmus aufnehmen.
Am Ende eines jeden Quartals werden die vier Aspekte Arbeitseinstellung, Emotionen, Einfallsreichtum/Gedanken und Gruppenverhalten bewertet. Dies geschieht nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, durch die Zuordnung von Zahlen- oder Punktwerten, sondern durch gegenseitige Inbezugsetzung dieser vier Eigenschaften. Ein gutes Resultat entspricht einer ausgeglichenen Ausprägung, bzw. Harmonie dieser vier Aspekte. Hat ein Schüler beispielsweise eine ausgeprägte Arbeitseinstellung, gleichzeitig aber eine weniger starke Fähigkeit in der Gruppe zu kommunizieren, weil es ihm an Selbstbewusstsein fehlt, so würde dies für Unausgeglichenheit sprechen. Durch Gespräche mit Eltern und Lehrern würde dann auf Schwächen aufmerksam gemacht und gemeinsam versucht werden, daran zu arbeiten. So sollen die Schüler auf das Leben vorbereitet werden und sich Werten wie Selbstbewusstsein, Respekt und Toleranz bewusst werden.
Eine zwingend erforderliche Voraussetzung für die Umsetzung einer solchen Schulform ist meiner Meinung nach die vertrauensweckende und angenehme Lernatmosphäre der Schule. Die gute Beziehung zwischen Lehrern und Schülern fällt sofort auf. Alle gehen respektvoll und herzlich miteinander um, es werden zusammen Witze gemacht, es gibt keine Förmlichkeiten, es wird zusammen gegessen, gelacht, getanzt, gespielt, sich umarmt und das Miteinander wirkt wie in einer großen Familie. Gerade deswegen gefällt mir die Schule sehr.
Ich hoffe, dass ich schon mal einen ersten Eindruck von der Schule weitergeben konnte. Ich selber weiß bis jetzt leider nur sehr wenig darüber und bin schon gespannt zu erleben wie es tatsächlich funktioniert, bzw. umgesetzt wird. In meinen nächsten Einträgen werde ich näher darauf eingehen und dann auch von meiner eigentlichen Arbeit und meinem sonstigen Umfeld erzählen.
Leider hat es gerade mit dem Hochladen von Dateien nicht geklappt. Fotos aus den letzten Tagen folgen bei nächster Gelegenheit ...